Texte


 

 

Zen-Weisheiten

 

Ein Schüler kam zu seinem Meister und klagte:
„Meister, ich habe eine unbeherrschte Laune. Wie kann ich sie heilen?

„Du hast etwas sehr Seltsames,“ erwiderte der Meister.
„Lass’ mich sehen, was du hast.“
„Ich kann sie Euch jetzt nicht zeigen“, sagte der andere.

„Wann kannst du sie mir zeigen?“ fragte der Meister.
 „Sie kommt ganz unerwartet,“ antwortete der Schüler.
„Dann,“ folgerte der Meister, „kann sie nicht deine eigene Natur sein.
Wäre es so, dann könntest du sie mir jederzeit zeigen.
Als du geboren wurdest, hattest du sie nicht,
und deine Eltern gaben sie dir nicht.
Denke drüber nach."

Zwei Mönche, ein Schüler mit seinem Meister,
wanderten eine schmutzige Straße entlang.
 Zudem fiel auch noch heftiger Regen.
Als sie an eine Wegbiegung kamen, trafen sie ein hübsches Mädchen
 in einem feinen Kleid, das die Kreuzung überqueren wollte,
 aber nicht konnte.
 „Komm’ her, Mädchen,“ sagte der Meister sogleich.
Er nahm es auf die Arme und trug es über den Morast der Straße.
Der Schüler sprach kein Wort,
bis sie des Nachts ein Kloster erreichten, in dem sie Rast machten.
Da konnte er nicht mehr länger an sich halten.
„Wir Mönche dürfen Frauen nicht in die Nähe kommen,
 vor allem nicht den jungen und hübschen.
Es ist gefährlich. Warum tatest du das?“
„Ich ließ das Mädchen dort stehen,“ sagte der Meister,
„trägst du es immer noch?“

„Meister, jedes Mal, wenn ich auf den Markt gehe,
um zu verkaufen, was ich geerntet habe,
treffe ich dort auf einen Händler, der versucht, mich zu beleidigen
 und meine Waren schlecht zu machen.
Neulich konnte ich es nicht mehr ertragen
 und habe ihm den Regenschirm auf den Kopf gehauen.
 Doch jetzt schäme ich mich, dass mein Herz so voller Hass ist."

„Wenn dieser Händler das nächste Mal versucht,
Dich zu beleidigen“, sagte der Meister,
„dann bleibe freundlich und ruhig in Deinem Herzen.
Und schlage ihm wieder mit dem Regenschirm auf den Kopf,
 denn das scheint die einzige Sprache zu sein, die er versteht."

Einst bat ein Mönch:
 „Meister, ich bin noch ein Neuling, zeige mir den Weg.“
 Der Meister sprach:
 „Hast du schon dein Frühstück beendet?“
Der Mönch antwortete:
 „Ich habe mein Frühstück beendet.“
Der Meister sprach:
 „Gehe und wische die Essschalen.“
Da kam der Mönch zur Einsicht.

"Meister, ich verbringe jeden Tag mehrere Stunden
 in meinem Garten und hege und pflege ihn.
Aber so sehr ich mich auch bemühe,
ich werde das Unkraut nicht los".
"Nun", spricht der Meister,
"dann schlage ich dir vor,
du lernst das Unkraut zu lieben".

Ein Mönch fragte den Meister: „Wo ist Gott?“
Der Meister: „Unmittelbar vor uns.“
Der Mönch: „Weshalb sehe ich ihn nicht?“
Meister: „Wegen deiner Selbstsucht kannst du ihn nicht sehen.“
Der Mönch: „Wenn ich ihn wegen meiner Selbstsucht nicht sehen kann,
 vermagst dann du ihn zu sehen?“
Meister: „Solange es ein Ich und ein Du gibt,
 erschwert dies die Lage, und kein Schauen Gottes ist möglich.“
Der Mönch: „Wird er geschaut, wenn es weder Ich noch Du gibt?“
Meister: „Wenn es weder ich noch Du gibt,
wer sollte ihn dann sehen können?"

Wenn wir nicht verstehen, sind Berge Berge.
Wenn wir anfangen, zu verstehen, sind Berge nicht mehr Berge.
Wenn wir richtig verstehen, sind Berge wieder Berge.

 

 

Lyrik

 

Vice versa

 Ein Hase sitzt auf einer Wiese,
des Glaubens, niemand sähe diese.

Doch, im Besitze eines Zeißes,
betrachtet voll gehaltnen Fleißes
vom via-à-vis gelegnen Berg
ein Mensch den kleinen Löffelzwerg.

Ihn aber blickt hinwiederum
ein Gott von fern an, mild und stumm.

(Christian Morgenstern)

Die Krücken

Sieben Jahre wollt kein Schritt mir glücken.
Als ich zu dem großen Arzte kam
Fragte er: Wozu die Krücken?
Und ich sagte: Ich bin lahm.

Sagte er: Das ist kein Wunder.
Sei so freundlich zu probieren!
Was dich lähmt, ist dieser Plunder.
Geh, fall, kriech auf allen Vieren!

Lachend wie ein Ungeheuer
Nahm er mir die schönen Krücken
Brach sie durch auf meinem Rücken
Warf sie lachend in das Feuer.

Nun, ich bin kuriert: Ich gehe.
Mich kurierte ein Gelächter.
Nur zuweilen, wenn ich Hölzer sehe
Gehe ich für Stunden etwas schlechter.

(Bertolt Brecht)

Der alte Mann und das Pferd

Hoch auf dem Felsen, abgeschieden,
lebten der Alte und sein Sohn
in stiller Eintracht, wohlzufrieden.
Da lief den beiden das Pferd davon.
Der Nachbar, nach geraumer Frist,
kam, den Verlust mitzubeklagen.
Da hörte er den Alten fragen:
„Wer weiß, ob dies ein Unglück ist?“
Und bald darauf, im nahen Walde
vernahmen sie des Pferdes Tritt:
Das kam und brachte von der Halde
ein Rudel wilder Rosse mit.
Der Nachbar, schon nach kurzer Frist,
pries den Gewinn nach Menschenweise.
Da lächelte der Alte leise:
„Wer weiß, ob dies ein Glücksfall ist?“
Nun ritt der Sohn die neuen Pferde.
sie flogen über Stock und Stein,
ihr Huf berührte kaum die Erde.
Da stürzte er und brach ein Bein.
Der Nachbar, nach geraumer Frist,
kam, um das Leid mit ihm zu tragen.
Da hörte er den Alten fragen:
„Wer weiß, ob dies ein Unglück ist?“
Bald dröhnt die Trommel durch die Gassen:
Es ist die Kriegsproklamation.
Ein jeder muss sein Land verlassen.
Doch nicht des Alten lahmer Sohn.

(Aus Mascha Kaleko, „Heute ist morgen schon gestern“)

Mnemosyne

Ein Zeichen sind wir, deutungslos
Schmerzlos sind wir und haben fast
Die Sprache in der Fremde verloren.
Wenn nemlich über Menschen
Ein Streit ist an dem Himmel und gewaltig
Die Monde gehn, so redet
Das Meer auch und Ströme müssen
Den Pfad sich suchen. Zweifellos
Ist aber Einer. Der
Kann täglich es ändern. Kaum bedarf er
Gesez. Und es tönet das Blatt und Eichbäume wehn dann neben
Den Firnen. Denn nicht vermögen
Die Himmlischen alles. Nemlich es reichen
Die Sterblichen eh' an den Abgrund. Also wendet es sich, das Echo
Mit diesen. Lang ist
Die Zeit, es ereignet sich aber
Das Wahre.

(Friedrich Hölderlin)

Im Nebel

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den anderen,
Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allem ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

(Hermann Hesse)



Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen -:

Dann könnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an deinen Rand dich denken

und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.

(Rainer Maria Rilke)

Herbst

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

(Rainer Maria Rilke)

Sonett

Laß, die geboren unter günst'gem Stern,
Sich stolzer Titel rühmen, hoher Ehre,
Derweil ich heimlich, den Triumphen fern,
Durch meine Liebe meine Freude mehre.

Der Hoheit Günstling strahlt in seinem Glanz
Wie in der Sonne Licht die Ringelblume,
Doch ihn beherrschen Laun' und Zufall ganz:
Ein Zornblick macht ein Ende seinem Ruhme.

Der Held, der schwererkämpften Lorbeer trug:
Nach tausend Siegen einmal überwunden,
Ist wie gestrichen aus der Ehre Buch,
Sein Thun vergessen und sein Lohn verschwunden.

Drum glücklich ich - ich lieb' und bin geliebt,
Wo's kein Verdrängen und Vergessen giebt.

(William Shakespeare)

Manche Nacht

Wenn die Felder sich verdunkeln,
fühl’ ich, wird mein Auge heller.
Schon versucht ein Stern zu funkeln
und die Grillen wispern schneller.

Jeder Laut wird bilderreicher,
das Gewohnte sonderbarer,
hinter’m Wald der Himmel bleicher,
jeder Wipfel hebt sich klarer.

Und du merkst es nicht im Schreiten,
wie das Licht verhundertfältigt
sich entringt den Dunkelheiten.
Plötzlich stehst du überwältigt.

(Richard Dehmel)

Gleichnis

Es ist ein Brunnen, der heißt Leid;
draus fließt die lautre Seligkeit;
doch wer nur in den Brunnen schaut,
den graut.

Er sieht im tiefen Wasserschacht
sein lichtes Bild umrahmt von Nacht.
O trinke! da zerrinnt dein Bild:
Licht quillt!

(Richard Dehmel)

 

 

Verschiedenes

 

Vom Schmerz

Euer Schmerz ist das Zerbrechen der Schale,
die euer Verstehen umschließt.
Wie der Kern der Frucht zerbrechen muss,
damit sein Herz die Sonne erblicken kann,
so müsst auch ihr den Schmerz erleben.

Und könntet ihr in eurem Herzen das Staunen
über die täglichen Dinge des Lebens bewahren,
würde euch der Schmerz nicht weniger wundersam scheinen
als die Freude.
Und ihr würdet die Jahreszeiten eures Herzens hinnehmen,
wie ihr stets die Jahreszeiten hingenommen habt,
die über eure Felder streifen.
Und ihr würdet die Winter eures Kummers
mit Heiterkeit überstehen.

Vieles von eurem Schmerz ist selbst gewählt.
Er ist der bittere Trank, mit dem der Arzt in euch
 das kranke Ich heilt.
Daher traut dem Arzt und trinkt seine Arzneien
schweigend und still.

Denn seine Hand, obwohl schwer und hart,
wird von der zarten Hand des Unsichtbaren gelenkt.
Und der Becher, den er bringt, ist, obwohl er eure Lippen verbrennt,
geformt aus dem Ton, den der Töpfer mit seinen heiligen Tränen benetzt hat.

(Khalil Gibran)

Als mein Gebet immer andächtiger und
innerlicher wurde,
da hatte ich immer weniger und weniger
zu sagen.
Zuletzt wurde ich ganz still.
Ich wurde,
was womöglich noch ein größerer Gegensatz
zum Reden ist,
ich wurde ein Hörer.
Ich meinte erst, Beten sei Reden.
Ich lernte aber, dass Beten nicht bloß
Schweigen ist,
sondern Hören.
So ist es:
Beten heißt nicht, sich selbst reden hören,
Beten heißt still werden
und still sein
und warten, bis der Betende Gott hört.

(Sören Kierkegaard)

...und ich möchte Dich bitten,
so gut ich es kann, Geduld zu haben
gegen alles Ungelöste in Deinem Herzen
und zu versuchen, die Fragen selbst lieb zu haben
wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in
einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.
Forsche jetzt nicht nach den Antworten,
die Dir nicht gegeben werden können,
weil Du sie nicht leben könntest.
Und es handelt sich darum, alles zu leben.
Lebe jetzt die Fragen.
Vielleicht lebst Du dann allmählich,
ohne es zu merken, eines fernen Tages
in die Antwort hinein....

(Rainer Maria Rilke)



Die Tradition

Das junge Paar war frisch verheiratet. Eines Tages beschloss die junge
Frau, eine Lammkeule zu schmoren. Bevor sie das Ganze in den
Ofen schob, schnitt sie von der Keule das untere Stück ab
und legte dann die zwei Teile nebeneinander in den Schmortopf.
Ihr Mann schaute ihr über die Schulter zu und fragte sie:
"Warum machst du das?" "Ich weiß nicht, aber meine Mutter
machte das immer genauso", war die Antwort.
Daraufhin fragte der Mann seine Schwiegermutter, warum sie
das untere Stück der Keule abschnitt. "Ich weiß es nicht, aber meine
Mutter machte das immer genauso", antwortete die Schwiegermutter.
Die Großmutter war noch am Leben, und so ging der Mann zu ihr und
fragte auch sie, warum sie den unteren Teil der Lammkeule vor dem
Schmoren abschnitt. Und die Großmutter antwortete: "Ach, das hat
einen ganz einfachen Grund. Mein Schmortopf war damals zu klein,
dass der ganze Braten einfach nicht hineinpasste."

Mein Vater

Zu Mark Twain kam einmal ein Siebzehnjähriger und erklärte:
"Ich versteh' mich mit meinem Vater nicht mehr. Jeden Tag Streit.
Er ist so rückständig und hat keinen Sinn für moderne Ideen.
Was soll ich machen? Ich laufe aus dem Haus!"
Mark Twain antwortete: "Junger Freund, ich kann Sie gut
verstehen. Als ich siebzehn Jahre alt war, war mein Vater
genauso ungebildet: Es war kein Aushalten. Aber haben Sie
Geduld mit so alten Leuten; sie entwickeln sich langsamer.
Nach zehn Jahren, als ich siebenundzwanzig war, hatte er
so viel dazugelernt, dass man sich schon ganz vernünftig mit
ihm unterhalten konnte. Und was soll ich Ihnen sagen? Heute,
wo ich siebenunddreißig bin  - ob Sie es glauben oder nicht -,
wenn ich keinen Rat weiß, dann frage ich meinen alten Vater.
So können die sich ändern!"

Ein Indianer besucht einen Stadtmenschen.
Die beiden gehen durch die Straßen.
Autos, LKWs, Busse, Trams - viel Lärm.
Der Indianer: "Hörst du - da zirpt eine Grille".
Der weiße Mann: "Du musst dich täuschen, hier gibt es keine Grillen.
Hier zirpt auch keine".
Nach ein paar Schritten tritt der Indianer an eine Mauer.
Ein paar wilde Weinranken hängen herab.
Der Indianer hebt ein Blatt: Da sitzt die Grille.
Jetzt, nachdem der weiße Mann sie gesehen hat, kann er sie auch hören.
Die beiden gehen weiter.
Der Weiße: "Du bist der Natur so viel näher,
kein Wunder, dass du bessere Ohren hast".
Darauf der Indianer: "Du täuschst dich".
Unauffällig lässt er ein 10-Cent-Stück aus seiner Tasche auf den Boden fallen.
Es klimpert ein wenig auf dem Asphalt.
Ein paar Menschen bleiben stehen, schauen sich um, einer bückt sich,
steckt das Geldstück ein, geht weiter.
Der Indianer: "Das Geldstück war nicht lauter als die Grille".

(nach Frederik Hetmann)

Ein "moderner" Mensch verirrte sich in die Wüste.
Die unbarmherzige Sonnenglut hatte ihn ausgedörrt.
Da sah er in einiger Entfernung eine Oase.
Aha, eine Fata Morgana, dachte er, eine Luftspiegelung, die mich narrt.
Denn in Wirklichkeit ist gar nichts da.
Er näherte sich der Oase aber sie verschwand nicht.
Er sah immer deutlicher die Dattelpalmen, das Gras und vor allem die Quelle.
Natürlich eine Hungerfantasie, die mir mein halb wahnsinniges Gehirn vorgaukelt,
dachte er. Solche Fantasien hat man bekanntlich in meinem Zustand.
Jetzt höre ich sogar das Wasser sprudeln. Eine Gehör-Halluzination.
Wie grausam die Natur ist.
Kurze Zeit später fanden ihn zwei Beduinen tot.
"Kannst du so was verstehen?" sagte der eine zum anderen,
"die Datteln wachsen ihm beinahe in den Mund.
Und dicht neben der Quelle liegt er, verhungert und verdurstet.
Wie ist das möglich?"
Da antwortete der andere:
"Er war ein moderner Mensch".



Jeder Augenblick ist flüchtig und vergänglich.
Der vergangene Augenblick kann nicht bewahrt werden,
wie schön er auch gewesen sein mag.
Der gegenwärtige Augenblick kann nicht festgehalten werden,
wie genüsslich er auch sein mag.
Der zukünftige Augenblick kann nicht eingefangen werden,
wie erstrebenswert er auch sein mag.
Doch der Geist will dem Fluss der Zeit unbedingt Einhalt gebieten.
Gefangen in Erinnerungen an die Vergangenheit und
übervoll an Wunschvorstellungen für die Zukunft,
ist er blind für die Wahrheit des gegenwärtigen Moments.

(Laotse)